Darüber nachzudenken, was andere Leuten von mir halten war mir irgendwann zu anstrengend.

7 Fragen an Andi Bichlmaier alias Susi Silver

Tagsüber ist er Andi Bichlmaier (53) in Anzug, Hemd und Turnschuhen, im Nachtleben von Mainz kennt man ihn eher mit rotgeschminkten Lippen, blonder Langhaarmähne und silberfarbenen High-Heels als Susi Silver. Schon als Kind liebte und lebte Andi Bichlmaier Vielfalt in allen Facetten.

Andi - oder soll ich lieber Susi fragen?

Du kannst dir natürlich auch gerne selbst einen Namen ausdenken, wenn du möchtest. Ansonsten sag gerne Andi. Ich sehe ja gerade auch eher aus wie der Andi.

Du bist in Mainz geboren. Könntest Du dir auch vorstellen, woanders zu leben?

No way. Ich liebe diese Stadt. Hier bin ich aufgewachsen. Hier kennen mich die Leute und tolerieren meine unterschiedlichen Personalities. Und: Hier lebt meine Familie. Außerdem hat Mainz so viel zu bieten und ist zudem ein perfekter Knotenpunkt, um andere Städte in Rheinland-Pfalz oder Hessen zu besuchen. Mit der Bahn ist man ruckzuck woanders. Auch wieder ein Vielfältigkeitsbonus von Mainz.

Stichwort Familie - wie reagierte Deine Familie auf Susi Silver?

Ich denke, ich habe da viel Glück gehabt. Meine Familie fand meinen Hang zu kunstvollen Verkleidungen immer toll und hat sich nie darüber lustig gemacht oder fand es unmännlich. Im Gegenteil. Meine Mutter ist gelernte Schneiderin und näht mir jetzt noch die schillerndsten Teile. Wir hatten und haben immer sehr viel Spaß dabei. Ich denke, von ihr habe ich auch meine Liebe zur Mode im Allgemeinen. Das verbindet uns sehr. Meine Mutter ist heute, mit Mitte 80, noch eine sehr, sehr coole, offene Frau.

Wenn Du morgens in einen Anzug steigst, ist das dann langweilig?

Irgendwie schon. Irgendwie auch nicht. Manchmal fühle ich mich auch sehr wohl darin. Manchmal möchte ich auch nicht im Vordergrund stehen, dann ist ein Anzug genau das Richtige.

Und nachts sind Frauenkleider genau das Richtige für Dich?

Auf jeden Fall. Für mich als Mann ist das eine Offenbarung in vielerlei Hinsicht. Man wird anders wahrgenommen, anders angesprochen. Ich fühle mich unglaublich wohl als Susi Silver. Sie gehört auch zu meiner Identität. Sie hilft mir, mehr aus mir herauszugehen, mich sexy zu fühlen, anders zu kommunizieren und das Leben nicht so ernst zu nehmen.

Schminkst Du dich selbst?

Ja. Die Lippenstifte meiner Mutter waren schon als Kind nicht vor mir sicher. Ich verbrachte Nachmittage mit Make-Up, Eyelinern und Mascaras vor dem Badezimmerspiegel. Inzwischen fragen mich sogar viele befreundete Frauen nach Schminktipps.

Ist Dein Auftreten als Susi Silver auch verbunden mit einem sozialpolitischen Statement?

Indirekt ist es das ja ohnehin immer. Ich besuche auch regelmäßig den Christopher Street Day, seit 2014 findet die Parade in Verbindung mit der etablierten LSBTIQ-Veranstaltung "Sommerschwüle" auch in Mainz statt. Früher bin ich extra für den CSD mit dem Zug bis nach Berlin gefahren. Bei der Veranstaltung „Sommerschwüle“ werden unter anderem auf Themen, wie Toleranz und Selbstbestimmung aufmerksam gemacht. Ich brauche diese Geschlechtereinordnung nicht und ich finde sie grundsätzlich falsch. Der Filmemacher Rosa von Praunheim hat es in einem Satz gesagt: "Nicht der Anderssexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt."